AKTUELL

art bridge 12

Erwartungen/Beklentiler/Expectations

Gruppenausstellung

mit internationalen

Künstler-innen

19.9. - 3.10. 2017

Kunsthalle im Bezirksrathaus

Köln-Lindenthal

Aachener Str. 220

50931 Köln

Öffnungszeiten:

Di+Do+So : 11:00-17:30 Uhr

Mi+Fr : 15: 00-18:00 Uhr

Sonst nach Vereinbarung

 

art shopping

parallel zu der Gruppenausstellung ‘art bridge 12’

1.und 3. Oktober2017

von 11 bis 17:30 Uhr

Kunsthalle Lindenthal

Aachener Strasse 220

50931 Köln

 

Malerei, Fotografie, Plastiken, Skulpturen, Filzobjekte

 

Adem Yavuz

Anber Uluer

Asuman Efecan

Aydan Uğur Ünal

Belgin Şahin

Derya Bardakçı

Elif Onaran

Gülden Ünlüer

Ismail Beydili

Maren Bosbach

Murat Borovalı

Nuray Turan

Pınar Akarsu Tınç

Pınar Ervardar

Sibel Kasapoğlu

Sema Sevgen

Semra Tolunay

Sharon Ventura

Uta Göbel-Groß

Wendy Hack

Yakut Ayverdi

Zsuzsa Szvath

 

Zur Finissage der Ausstellung ‚art bridge 12’ laden wir Sie zum ‚art shopping’ in die Kunsthalle Lindenthal ein.

Eintritt ist frei.


2005 Bürgerhaus - Galerie Hürth

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Dr. Romana Rebbelmund

Kunsthistorikerin M.A.

Hausinger Str. 2

40764 Langenfeld

Fon 02173.271405

Mail rrebbelmund@diekommunikationsfabrik.de

Langenfeld, 07. April 2005

Ansprache zur Ausstellung

Nuray Turan

Die Hoffnung

Bürgerhaus Hürth

07. April 2005

Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren,

kennen Sie das? Sie denken z. B. über ein neues Urlaubsziel nach oder über die zunehmende Aggressivität im Straßenverkehr, beschäftigen sich damit und plötzlich erscheinen in Fern-sehen, Radio, Zeitungen und Zeitschriften unzählige Beiträge zu genau diesem Thema.

Dieses Phänomen wird mit ‚selektiver Wahrnehmung' beschrieben. Positiv ausgedrückt meint ‚Wahrnehmungsselektion', dass unser Blick für ein bestimmtes Thema geschärft wird. Anlass der veränderten Wahrnehmungsselektion kann ein bestimmter Wunsch, ein anregendes Ge-spräch oder ein mediales Ereignis sein. Bei der Begriffsfügung ‚mediales Ereignis' denken die meisten vermutlich zuerst an Radio, Fernsehen und Internet – in zweiter Linie kommen als Me-dien die Schriftmedien Bücher, Zeitungen und Zeitschriften in Betracht. Die ältesten, bis heute von ungebrochener Aktualität beseelten und kulturell bedeutsamsten Medien sind allerdings die wortwörtlichen ‚Bildmedien', im Sinne der bildenden Künste. Bildende Kunst ist und bleibt unsere moralische Instanz, weil Künstler stets aus innerer Motivation und Notwendigkeit her-aus Werke schaffen, die entweder das jeweilige Weltbild reflektieren oder das entsprechende Gegenbild entwerfen.

Nuray Turan benennt die Ausstellung ihrer Werke hier im Bürgerhaus Hürth, die einen Einblick in ihr Schaffen der letzten fünf Jahre gibt, „Die Hoffnung". ‚Hoffnung' ist immer eine zukunfts-gerichtete Erwartung eines erwünschten Zustandes – dies impliziert aber auch, dass der jetzige Zustand nicht optimal ist. In der abendländischen Ikonologie, begründet 1613 durch Cesare Ripa, wird die theologische wie die profane Hoffnung jeweils durch eine Frauengestalt ver-sinnbildlicht – mal mit einem Anker als Halt gegen das wandelbare Glück, mal als eine ihr Kind stillende Mutter. Die Frau als Hoffnungsträger.

Im Zentrum des malerischen Oeuvres von Nuray Turan steht die Frau. Im unbewusst-bewuss-ten Schaffensprozess manifestieren sich eindringliche Gesichter und Frauengestalten im Me-dium der Farbe. Da sind z.B. die beiden hochformatigen Gemälde „Lale" und „Jasmin". Je-weils ein junges Frauengesicht blickt mit großen Augen den Betrachter unvermittelt an. Es sind Blicke, denen man sich nur schwer entziehen kann.

Die Eindringlichkeit der Blicke wird durch die kompositorische Anlage der Gemälde zugleich bedingt wie bestärkt: Aus der Folie des ruhigen, sanftblauen Hintergrundes heraus konkreti-siert sich mit feinen, kaum sichtbaren Pinselstrichen das Antlitz. Durch die fast schon monu-mentale Größe des Gesichts scheint es dem Betrachter entgegenzukommen, obwohl eine weitere Farbschicht den eigentlichen Vordergrund bildet. Diese Farbschicht umkreist mal in komplett freien, abstrakten Schwüngen das Haupt und grenzt es dabei ein, mal konkretisieren sich die abstrakt angelegten Farbbahnen und erinnern an den Stoff eines Schleiers, der das Gesicht fest umschließt. In beiden Bildbeispielen kontrastieren die dynamisch-bewegten Pinsel-schwünge die zarte Nuancierung des Gesichts und ziehen wie ein Sog die Aufmerksamkeit auf die beherrschenden Augenpaare. Das menschliche Auge gilt in vielen Kulturen nicht nur als Fenster zur Welt, sondern auch als Spiegel der Seele. Und der Begriff ‚Seelenspiegel' scheint sehr passend, um die Augenpaare zu beschreiben, deren Ausdruck zwischen latenter Traurigkeit und Hoffnung changiert. Die Namen „Lale" und „Jasmin" wiederum legen nahe, dass es sich bei den beiden Frauenköpfen um Porträts handelt. Tatsächlich aber entstehen die Frauenköpfe von Nuray Turan stets ohne Modell – wie bei all ihren Bildschöpfungen entwickelt sich das jeweilige Thema aus einem re-flektiven Impuls: aus Erinnerungen, Erfahrungen in Vergangenheit und Gegenwart, aus Ab-lagerungen der Seele. Im Falle von „Lale" und „Jasmin" wurden diese Bildideen im Schaffens-prozess schließlich zu gemalten Persönlichkeiten, die danach verlangten, einen Namen zu tragen.

Die die Gesichter umschließenden Farbbahnen, die mehr oder weniger konkret an die Ver-schleierungsvorschriften für Frauen, z.B. im Islam, erinnern, setzt Nuray Turan mutig und be-wusst ein. Sie bezieht Stellung für die Freiheit der Frau, gegen jede Art der Unterdrückung, gegen jede Art von Gewalt. Jedoch äußert sich die Künstlerin mit diesen Gemälden nicht laut, provozierend oder polemisch – es sind vielmehr einfühlsame und sensible Botschaften, die leise aber bestimmt das Bewusstsein des Betrachters erreichen wollen.

Nuray Turan setzt dabei ganz gezielt auch auf die psychologische Wirkung der Farbe, wie die Gemäldeserie „Hoffen auf einen Ausweg 1-3" eindrucksvoll belegt. Die Farbpalette kreist um die emotional am stärksten wirksame Farbe Rot, die mal rein, satt und leuchtend zum Einsatz kommt, dann wiederum abgemischt über Violett in ein schwärzliches Purpur versinkt.

Grundsätzlich gilt für die Farbwirkung, dass ein assoziatives Moment durch die Farbe aus-gelöst wird – aus diesem Grund werden Farben in allen Kulturen auch mit Symbolbedeutung versehen. Die Farbe Rot war und ist in verschiedenen Kulturkreisen mit Bedeutungen wie Liebe, Blut, Feuer, Kraft und Revolution verbunden, Violett hingegen mit Trauer, Würde und Verzicht, Purpur wiederum wird seit der Antike mit Macht und Herrschaftsanspruch verbunden. Diese über die Farbwirkung hergeleiteten Symbolbedeutungen schwingen beim Betrachter sicherlich mit und ergänzen so die kompositorische Anlage: Das „Hoffen auf einen Ausweg" ruht nicht allein in den Augenpaaren der in Farbmassen versinkenden Gesichter, sondern manifestiert sich ebenso über die gefühlsauslösende Farbe.

In gleichem Maße wie die Farbwahl bestimmt auch die jeweilige Technik die Aussagekraft des Einzelwerkes. So wirken beispielsweise die in schwarzer Kohle auf Büttenpapier angelegten „Frauenköpfe" durch die unterschiedliche Dichte der Schraffuren und den bröckelig-breiten Strich der Kohle gleichermaßen fragil wie bedrückend. Dagegen stimmt in dem Ölgemälde „Spuren des Lebens" die Pastellfarbigkeit des bläulich-violetten Gesamttonus eher sanft und  versöhnlich, obwohl die bewegte Oberfläche mit ihren temperamentvollen Kratzungen und stürmischen Verwirbelungen eher an eine zerkratzte Eisfläche denken lässt.

Der Titel „Spuren des Lebens" kann wiederum als programmatisch in Bezug auf das Gesamt-werk der Künstlerin gewertet werden – immer wieder tauchen in den Werken Reminiszenzen an die Kindheit und Jugend in der Türkei auf: Die Natur, mit ihren überaus reizvollen land-schaftlichen Gegensätzen, die landestypische Folklore mit ihren traditionellen Tänzen und tra-dierten Kostümen, und nicht zuletzt die die beiden Kontinente Europa und Asien verbindende Stadt Istanbul, mit ihrer bis in die Antike zurückreichenden Geschichte, die sich lebendig im Stadtbild mit der Moderne verbindet.

So erinnert beispielsweise das Ölpastell „Die Frau und die roten Tulpen" nicht nur daran, dass im Gedeckten Basar Istanbuls im Blumenmarkt eine reiche Auswahl an Tulpen und Tulpen-zwiebeln feilgeboten wird, sondern auch daran, dass die Tulpen keine holländische ‚Erfin-dung' sind, sondern im 15. Jahrhundert aus der Türkei in den Westen kamen. Spürbar ist dies noch in der Wortbedeutung – ‚Tulpe' kommt von ‚tulben', einem Teil eines Turbans, dem die Blume ähnlich sieht.

Die türkische Folklore wiederum findet ihren Niederschlag in heiter-bewegten Kompositionen wie der Serie „Die Tanzenden" oder den „Frauen mit rotem Haarschmuck". Das vielfigurige Ölpastell „Hochzeit am Strand" wiederum verbindet die Thematik der Folklore mühelos mit einem weiteren immer wiederkehrenden Thema: den Bräuten.

Von besonderem Reiz innerhalb dieses Werkkomplexes sind die jüngst entstandenen Braut-Gemälde, die aufeinander bezogen und rund um den Ausstellungspfeiler präsentiert, das hoffnungsvolle Herannahen der Bräute verbildlichen – von verschwommener Ferne bis zur unmittelbaren Präsenz der Gesichter. Während die fernen Bräute unter den zarten Farbnebeln schemenhaft den prächtigen Brautschmuck mehr erahnen als tatsächlich sehen lassen, prä-sentieren die Bräute in der Nahsicht allein ihr in Feinmalerei ausgeführtes Gesicht, das sich aus den abstrakten, mit Spachteln und Fingern aufgetragenen Farbschichten,  -krusten und -erhebungen konkretisiert. Auf ihren Stirnen scheinen diese Bräute weiße Blüten oder Perlen zu tragen – eine Assoziation, die allein durch die plastischen Farbverdickungen hervorgerufen wird.

Das Thema der „Braut" verbildlicht ein weiteres Mal das Metathema „Hoffnung". Eine Braut steht am Beginn eines neuen und anderen Lebensabschnitt, das menschliche Leben gliedert sich traditionell in drei Lebensphasen: Geburt, Hochzeit, Tod. Jedes dieser Ereignisse stellt eine Übergangsphase dar – jedoch allein bei der Hochzeit kann der betreffende Mensch aktiv mit-feiern, verbunden mit der Hoffnung auf eine glanzvolle Zukunft.

Die sanfte Heiterkeit der folkloristischen Themen sowie der „Bräute" darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass Nuray Turan ihr künstlerisches Schaffen wie ein Seismograph auf das gesamte Weltgeschehen richtet – Anlass der dreiteiligen Serie „Einsam", „Allein durch die Wüste" und „Allein" war beispielsweise ein Zeitungsartikel über das menschliche Leid durch die Folgen des Afghanistan-Krieges, der fragmentarisch in eine der Kompositionen eincolla-giert ist; das Werk „Die Trauer" repräsentiert eine Serie von Arbeiten, die die malerische Ver-arbeitung der traumatischen Anschläge vom 11. September 2001 darstellt.

Mit diesen Themenkreisen verdeutlicht sich einmal mehr die zentrale Aufgabe, die sich die Künstlerin gestellt hat: Mit ihren Werken möchte sie die Wahrnehmung verändern – sie betreffen uns als Mensch.

Schließen möchte ich nun mit einem kurzen Gedicht des bedeutenden türkischen Dichters Nazim Hikmet, das Nuray Turan auch für die begleitende Präsentation hier in Hürth ausge-wählt hat:

Wenn keiner brennt,

ich nicht, du nicht, wir nicht,

wie wird je aus Dunkel Licht?

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

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